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Foto: 4 Jugendliche in einem Klassenraum, 1 Mädchen und 1 Junge im Vordergrund
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Interview – Potenzialanalyse in der Praxis
„Berufsorientierung ist auch Selbstfindung. Für die Potenzialanalyse haben wir ein neues Konzept entwickelt und umgesetzt. “

Manuel Epker ist Projektleiter und Konzeptentwickler beim Jugend- und Familienbildungswerk e.V. Stadtlohn (JFB) und Ansprechpartner für Schulen zum Thema Potenzialanalyse.

Im Rahmen des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“ haben Sie als Träger in der Referenzkommune Borken Potenzialanalysen durchgeführt und dabei ein neues Konzept umgesetzt. Wie ist es gelaufen, was ist Ihre Einschätzung nach dieser ersten Runde?

Foto: Manuel Epker

Es war der erste große Durchlauf und für alle Beteiligten im Kreis gab es viel zu koordinieren. Rückblickend ist es dafür überraschend gut gelaufen. Die Wissensstände zum Übergang Schule-Beruf, Berufsorientierung und Potenzialanalyse waren sehr unterschiedlich, bei den Schulen, den Eltern, aber auch bei den Akteuren und durchführenden Trägern. Zugleich ging es darum, für das Verfahren der Potenzialanalyse zu werben, das ja jetzt mit einer Konstanz für die nächsten Jahre an allen Schulen durchgeführt wird.

Im letzten Schuljahr haben wir vom Jugend- und Familienbildungswerk für knapp 1.400 Schülerinnen und Schüler Potenzialanalysen durchgeführt, das entspricht immerhin einem Anteil von rund 30 Prozent der Schülerschaft der 8. Jahrgangsstufe hier im Kreis. Beteiligt waren 17 Schulen, darunter vor allem Gymnasien und Realschulen. Für Hauptschulen haben wir das Konzept in einem Pilotprojekt getestet und werden es im nächsten Schuljahr auch verstärkt für diese Schulform anbieten.

Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler Lust auf Berufsorientierung bekommen und Spaß daran haben, sich mit Blick auf die Berufswelt selbst zu erkunden. In dieser Hinsicht sind unsere Erwartungen weit übertroffen worden. Die Rückmeldungen von Schulen und Schülerinnen und Schülern waren durchweg positiv und selbst die Lehrkräfte waren überrascht, wie viel spannende Erkenntnisse eine eintägige Potenzialanalyse zu Tage fördern kann.

Mit Ihrem Konzept der Potenzialanalyse wollen Sie neue Wege in der Berufsorientierung gehen. Welche Schwerpunkte setzen Sie, worauf legen Sie besonderen Wert?

Foto: Manuel Epker

Wir hatten die große Chance, mit wissenschaftlicher Begleitung durch den Bildungsverlaufsforscher Dr. Tim Brüggemann ein neues Konzept zu entwickeln und jetzt in der Breite umzusetzen. Offensichtlich haben wir damit einen Bedarf getroffen und waren mit unserem Konzept für viele Schule interessant.

Wir machen keine konkrete Berufsberatung, sondern begleiten bei dem Versuch, erste Fragen der Berufsorientierung zu beantworten. Kernthema ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung, darum gruppieren wir eine Reihe von Leitfragen: Wer bin ich, was kann ich, wie nehme ich mich selbst wahr, wie sehen die anderen mich? Wie können meine nächsten Schritte aussehen? In der 8. Klasse stehen solche Fragen der Selbstfindung und Selbsterkundung im Raum. Hier setzen wir an und wollen die Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit eigenen Stärken, Interessen und Neigungen fördern.

Vom Konzept her haben wir uns zunächst auf Gymnasien und Realschulen konzentriert. Sie haben in der 8. Klasse weniger Handlungsdruck als etwa Hauptschulen. Insofern bieten wir handlungsorientierte Aufgaben mit Bezug zur Berufswelt an, aber kein konkretes Drehen, Schrauben oder Tische-decken. Die einzelnen Module sind so konzipiert, dass die Schulen Mitgestaltungsmöglichkeiten haben und Aufgabenstellungen verändert und angepasst werden können.

Die Potenzialanalysen werden bei uns von einem Team von jungen Leuten begleitet und durchgeführt, die zum Teil selbst im Übergang vom Studium in den Beruf stehen. Alle haben einen pädagogischen Hintergrund und bringen unterschiedliche Praxis- und Berufserfahrungen mit. Zusammengekommen ist eine spannende Mischung von Leuten, die auch vom Alter her näher an den Jugendlichen sind und sie vielleicht besser oder emphatischer ansprechen können. Für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wir eine dreitägige Schulung entwickelt und durchgeführt, u.a. zu Beobachtungsmethoden und -fehlern, Gruppenmoderation, aber auch zum Übergang Schule-Beruf in NRW. Am Ende durchlaufen sie die Übungen selbst und bekommen Rückmeldungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Unsere Leute kennen also beide Seiten einer Potenzialanalyse und wissen, was es heißt, beobachtet und bewertet zu werden. Für die Praxis finde ich das ganz wichtig.

Sie haben zum Beispiel eine Potenzialanalyse für einen 8. Jahrgang einer Realschule aus Borken durchgeführt. Wie sah das konkret aus, welche Aufgaben gab es?

Foto: Manuel Epker umringt von einer Gruppe Jugendlicher

Am Tag der Potenzialanalyse, die wir immer außerhalb des eigentlichen Schulorts durchführen, geben wir zunächst eine Einführung. Anschließend machen die Schülerinnen und Schüler eine erste persönliche Selbsteinschätzung und legen ihr Portfolio an, das auch die Basis für das abschließende Gespräch ist.

In einem rollierenden System haben die Schülerinnen und Schüler verschiedene, sehr teamorientierte Aufgaben zu bewältigen, die wir zum Teil aus der Abenteuer- und Erlebnispädagogik entwickelt haben. Eine Übung nennen wir beispielsweise „das Ei aus dem Nest holen“: Als Hilfsmittel bekommen die Schüler vier Seile, um gemeinsam einen Tennisball in eine Schale zu transportieren. Die Gruppe muss dafür Lösungen finden und verschiedene Potenziale ausprobieren: Wer kann zum Beispiel gut Knoten machen, ein Team führen oder die Kommunikation regeln. Im kreativen Bereich geht es etwa darum, gemeinsam eine Brücke aus Papier zu bauen, die bestimmte Anforderungen an Länge, Höhe oder Befahrbarkeit zu erfüllen hat. Dazu gibt es lediglich weißes Papier, Bleistift, Lineal und Klebestift – und ein kleines Spielzeugauto als Testfahrzeug. In einer anderen Übung interviewen sich die Schülerinnen und Schüler zu ihren Traumberufen und bekommen für die Berufe-Recherche Informationsmaterial der Bundesagentur für Arbeit an die Hand. Daraus erstellen sie für einen Mitschüler einen kurzen Steckbrief und tragen in einer Präsentationsrunde vor, was sie herausgefunden haben.

Am Ende des Tages steht der Abgleich aus der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dafür werden alle Beobachtungen und Bewertungen zusammengetragen. Auch die Ergebnisse aus dem computergestützten Talentcheck, der ebenfalls zu unserem Aufgabenset gehört, können dann schon mitberücksichtigt werden. Jede Schülerin, jeder Schüler erhält einen individuellen Auswertungsbogen, der in einem Einzelgespräch von 20 bis 30 Minuten besprochen wird. Unter Berücksichtigung des Datenschutzes erhält die Schule dann zeitnah die Dokumentationen und kann die Ergebnisse für die weitere Beratung und Berufsfelderkundung nutzen.

Wir legen Wert darauf, Eltern zu beteiligen. Aus der Forschung ist bekannt, dass die meisten Kinder Berufe innerhalb der Familie kopieren. Für das Thema Berufsorientierung bleibt Familie also ein zentraler Bestandteil. Deshalb ist es uns wichtig, persönlich zu informieren und unser Konzept der Potenzialanalyse vorzustellen, damit Eltern Bescheid wissen. Die Ergebnisse sind keine Schulnoten. Sie sollen vielmehr dazu beitragen, zu Hause, in der Familie ins Gespräch zu kommen.

Welche Einschätzung haben Sie als Träger zum Landesvorhaben, das den Übergang Schule-Beruf neu gestaltet und sehr frühzeitig mit der Berufsorientierung beginnt?

Es ist insgesamt ein sehr positiver Prozess, dass im Rahmen des Landesvorhabens jetzt landesweit und an allen Schulen standardisierte Verfahren eingesetzt und eingeführt werden. Grundsätzlich haben damit Schulen in Recklinghausen die gleichen Möglichkeiten wie etwa hier in Borken. Der Erfolg wird sicher davon abhängen, dass alle Kooperationspartner gut aufgestellt und auf gleichem Wissensstand sind. Hier gibt es sicher noch einigen Informations- und vielleicht auch Überzeugungsbedarf.

Wir als Jugend- und Familienbildungswerk begleiten das Geschehen jedenfalls mit großem Interesse und wollen gerne dazu beitragen, dass daraus eine Erfolgsgeschichte wird.

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Berufs- und Studienorientierung an Schulen

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